01.02.2009

Happy Birthday, ÖAIP!

50 Jahre „Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Integrierten Pflanzenschutz“

Einen Blick zurück, einen Blick in die Zukunft und viele Blicke in die Gegenwart des österreichischen Pflanzenschutzes boten die die 50. Österreichischen Pflanzenschutztage, die Ende September im burgenländischen Rust (am Neusiedlersee) abgehalten wurden.

Runde Geburtstage bzw. Jubi­läumsveranstaltungen werden gerne genützt, den Blick auf den (bisherigen) Lebensweg des Geburtstagskindes bzw. der Organisation/Vereins/Firma zu werfen. Diese Aufgabe, die Entwicklung des österreichischen Pflanzenschutzes im All­gemeinen und die der ÖAIP im Speziellen darzustellen, nahm Dr. Josef Rosner, Landesgüterdirektor im Amt der NÖ Landesregierung, mit Unterstützung vieler Zeitungsausschnitte aus dem „Pflanzenarzt“, wahr. Er wurde abends bei der Generalversammlung zum Nachfolger des im letzten Jahr verstorbenen ÖAIP-Präsidenten DI Georg Prosoroff gewählt, der von 1985 bis 2009 der Arbeitsgemeinschaft vorstand.

In seinem Ausblick auf die Zukunftsperspektiven der Landwirtschaft zeigte sich Rosner überzeugt, dass aufgrund der steigenden Weltbevölkerung (bis 2050 werden 9,0 Mrd. Einwohner prognostiziert), steigendem Fleischkonsum in den Schwellenländern und dem zunehmenden Bedarf an alternativen Energiestoffen der Landwirt künftig weiterhin eine unersetzbare Rolle als Nahrungs-, Futtermittel- (alleine 10 % der Getreideproduktion gehen in die „Hobbytier”-Fütterung!) und Energieerzeuger haben wird. Mit der Zunahme neuer Schädlinge und Krankheiten wird es auch für die ÖAIP weiterhin Aufgaben geben. DI Monika Stangl, Leiterin der Abt. Pflanzenbau im BMLFUW, betonte in ihrem Festvortrag über „Pflanzenschutz gestern – heute – morgen”, dass der chemische Pflanzenschutz gemeinsam mit der Düngung und Züchtung einen entscheidenden Anteil an der Qualitätssicherung in der landwirtschaftlichen Produktion hat und dass weiterhin ein „vernünftiger Pflanzenschutz“ möglich sein muss, um die Nahrungsmittelproduktion zu gewährleisten. Ihr ist es in Zukunft wichtig, dass nicht nur die Qualität und Lebensmittelsicherheit, sondern auch die Versorgungssicherheit im Fokus stehen muss. Sie schloss sich dabei Rosner an, dass die demographische Entwicklung bedinge, dass die Lebensmittelversorgung auch für eine größer werdende Weltbevölkerung sichergestellt sein müsse.
Vom Klimawandel wird die Landwirtschaft am stärksten betroffen sein, und mit neuen Schädlingen werde auch der Pflanzenschutz mehr zum Thema.

Drei Medaillenverleihungen
Die höchste Auszeichnung, die in Österreich um die Verdienste im Pflanzenschutz verliehen werden kann, ist die Ferdinand Beran-Medaille. Mit einer wurde posthum der verstorbene ÖAIP-Präsident DI Georg Prosoroff geehrt, die seine Witwe und sein Sohn, Mag. Alexej Prosoroff, entgegen nahmen.
Über eine Medaille und Urkunde freute sich Ök.Rat Josef Dieplinger, „Urgestein des Pflanzenbaus und Pflanzenschutzes“, der im Verein „Pflanzenbau-Inn-Form“ nach wie vor aus der Praxis für die Praxis Wissen und Erfahrungen erarbeitet und weitergibt (Laudator DI Hubert Köppl: „Ich kenne auf dem Betrieb Dieplinger keinen Quadratmeter Boden, der nicht Versuchsfläche ist!“). Köppl hob u. a. Dieplingers Verdienste um die Warndienste hervor, für die der verdiente Pflanzenschützer Netzwerke über die Landesgrenzen hinaus bildete, der bis in die höchsten EU-Ebenen Leistungen für die Landwirtschaft einfordert. Fachwissen und Engagement, das von den Landwirten sehr geschätzt wird („Was Dieplinger sagt, hat Hand&Fuß!“).

Eine dritte Ferdinand Beran-Medaille ging an DI Vladimir Rehak, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Tschechien, mit der die ÖAIP schon seit langem in gutem Einverständnis grenzüberschreitenden Kontakt pflegt, Erfahrungen austauscht und Studienfahrten organisiert.

Alles Bio oder was?
Einen sehr pointierten und gut recherchierten Vortrag mit dem etwas provokativen Titel „Alles Bio oder was?“ hielt der ORF-Journalist und ZIB1-Moderator Gerald Groß, der im aktuellen Bioboom eine gesellschaftliche Entwicklung und Mode sieht, wie die Menschen „eben leben und lieben“. Er zeigte anhand eines Beispieles auf, wie sehr es bei Bio oft nicht um die Sache an sich, sondern um Image, Lebensanschauungen geht, wenn beispielsweise ein Bio-Mehl landesweit vom Rewe-Konzern zurückgezogen wird, weil angeblich in einer Probe ein Wirkstoff gefunden wurde, der früher im Bio-Landbau erlaubt war und im konventionellen Anbau auch erlaubt ist, aber seit der letzten Bio-Verordnung nicht mehr für den Bio-Anbau zugelassen ist.
Auch wenn die Bestätigung der Ergebnisse noch ausstanden, hat Rewe das Produkt aus dem Verkehr gezogen, obwohl nie eine Gefährdung der Konsumenten bestand – aber Rewe fürchtete eben einen Imageschaden der Marke „JaNatürlich!“, vielleicht auch ohne zu bedenken, damit auch in Zukunft mit weiteren Fremdanzeigen leicht erpress­bar zu werden...    ‹
Interessant waren die Zahlen, die Groß zu den Beweggründen eines Kaufs von Bio-Produkten aus einer Umfrage zitierte: Bio-Lebensmittel (LM) sind Produkte ohne PSM und Zusätze (47 %); Weil die Lebensmittel so schmecken wie früher (30 %); Um Krankheiten vorzubeugen (29 %);  Weil sie besser schmecken (21 %); Um die Erde für die nächste Generation zu erhalten (16 %); Weil sie tierlieb sind (15 %) und um Biobauern zu unterstützen (14 %).

Schlechtes Gewissen als Kaufmotiv?
Groß ortete in den heutigen Bio-LM-Käufern „egozentrische Urbanisten“, die sich wehren würden, in die Nähe „bärtiger Rollkragenpulloverträger“ gerückt zu werden, die früher das
Image der „Bio-Anhänger“ prägten. So seien auch die Reformhäuser, in die die „egozentrische Urbanisten“ kaum gingen, aus der „Lebensreform“ als Antwort auf die Industrialisierung im frühen 20. Jahrhundert entstanden.
65 % der Umsätze von Bio-LM werden mit der „neuen“ Käuferschicht erzielt, die zu 60 % weiblich ist. Während noch 2001 13 % der Bio-LM-Käufer sagten, der höhere Preis sei ok, sinke das Image der reinen Naturkostläden seit Mitte der 80er Jahre, der Großteil kaufe heute lieber in den Supermärkten, so Groß. So sei beispielsweise in Deutschland in den letzten 10 Jahren der Umsatz mit Bio-Produkten von 1,5 Mrd. ? auf ca. 5 Mrd. ? gestiegen, hat sich also mehr als verdreifacht.
Was die Sortimentserweiterung erklären bzw. begründen könnte: So gab es z. B. 1994 30 Produkte in der Rewe-Bio-Schiene „JaNatürlich!“, inzwischen seien es 600…
Laut einer Studie XY enthalten Bio-Produkte um beispielsweise 27 % mehr Vitamine als konventionelle LM, andere Studien dagegen können wiederum keine Unterschiede in der Nährstoff-Zusammensetzung ausmachen. Keine Studie jedenfalls, meint Groß, hätte signifikant gesündere Bio-LM festgestellt. Er ortet die steigende Nachfrage nach Bio-Produkten in der sogenannten Maslow’schen Bedürfnispyramide, nach der der Mensch versuche, zuerst die niedrigsten Bedürfnisebenen zu befriedigen, bevor er die Motivation verspüre, die höheren zu erklimmen. Zu der 1. Stufe gehören die physiologischen Bedürfnisse wie Schlaf, Essen, Sexualität, zu der 2. Stufe beispielsweise das Bedürfnis nach Recht, Ordnung und Sicherheit; die 3. Stufe sind soziale Bedürfnisse wie Intimität, die 4. Stufe Individualbedürfnisse wie nach privatem und beruflichem Erfolg und zuletzt auf der 5. Stufe stünde das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, Erleuchtung, Mentalität.
Zu Stufe 4 und 5 gehöre auch das Prestigedenken, die Abgrenzung gegenüber anderen, was also „egozentrische Urbanisten“ zum Griff nach Bio-LM motivieren könnte.
Ein ganz einfacher Grund dafür könnte aber auch sein, wie Groß’ 14jährige Tochter, befragt, warum sie glaube, dass der Mensch Bio-LM kaufe, meinte: „Weil sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen...“
Musikalisch begleitet und umrahmt wurde die vormittägliche „Geburtstagsfeier“ vom Bläserensemble NovoBrass, der Nachmittag und 2. Tag standen im Zeichen zahlreicher Fachvorträge, bei denen Versuchsergebnisse aus Österreich, Deutschland, Südtirol und der Schweiz präsentiert und neue Produkte, die nächstes Jahr der österreichischen Landwirtschaft (großteils deutsche Zulassungen) zur Verfügung stehen sollten, präsentiert wurden.
Die 51. Österreichischen Pflanzenschutztage finden am 1. und 2. Dezember 2010 im steirischen Schloß Seggau statt.    

Gabriele Luttenberger, Der Pflanzenarzt