17.12.2013

DLG-Kolloquium: Pflanzenschutz mit hohen Anforderungen

Pflanzenschutz ist im modernen Ackerbau unverzichtbar. Forschung, Beratung und Praxis stehen jedoch in der Verantwortung, die notwendige Intensität der Anwendung stetig zu überprüfen und an Umwelt- und Verbraucheraspekten auszurichten. Dies war Tenor des diesjährigen DLG-Kolloquiums am 4. Dezember in Berlin. So wies die Vorsitzende des DLG-Ausschusses für Pflanzenschutz Dr. Carolin von Kröcher, Leiterin des Pflanzenschutzamtes der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, darauf hin, dass die Grundsätze des Integrierten Pflanzenschutzes spätestens mit der Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Pflanzenschutz (NAP) das Leitbild des modernen Pflanzenschutzes bildeten. Dies bedeute, beim Schutz von Pflanzen vor Schaderregern gleichzeitig alle Gefahren abzuwehren, die aus der Mittelanwendung für Mensch, Tier und Naturhaushalt entstehen könnten. An die Anwender stellt dies hohe Anforderungen, so von Kröcher. Diese beinhalteten neben dem obligatorischen Sachkundenachweis aller Beteiligten geprüfte Anwendungstechnik, aber auch ständige Weiterentwicklungen und Forschungsarbeit im Bereich Pflanzenschutz. DLG-Vorstandsmitglied Martin Umhau hob in seiner Begrüßungsansprache die große Bedeutung der Pflanzenschutzmittel für die Ernährungssicherung hervor. Sie sorgten dafür, dass Ertragseinbußen und Ernteausfälle verhindert werden und die Qualität des Erntegutes abgesichert wird. Ein übermäßiger und uneingeschränkter Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln sei allerdings weder für die Natur, noch für den Menschen gut. „Daher müssen wir Landwirte alle von der Wissenschaft und der Beratung angebotenen Instrumentarien nutzen, um das notwendige Maß für den Pflanzenschutz zu finden“, erklärte das DLG-Vorstandsmitglied.

Dr. Stephan Deike von der Landberatung GmbH in Wefensleben wies darauf hin, dass die Anwendung der Grundsätze des Integrierten Pflanzenschutzes ab dem 1. Januar 2014 in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verbindlich ist. In der landwirtschaftlichen Praxis würden jedoch in vielerlei Hinsicht Verunsicherung im Hinblick auf deren Anwendung bestehen. Vielen Landwirten und Beratern sei insbesondere unklar, inwieweit sich der Integrierte Pflanzenschutz von den bisher maßgeblichen und weiterhin geltenden Maßstäben der guten fachlichen Praxis unterscheide. Der Berater verwies unter anderem auf das dänische Pflanzenschutzmodell, das bereits seit vielen Jahren nach den Regeln des Integrierten Pflanzenschutzes funktioniert. Es beinhalte ein rigoroses Wirkstoffreglement und ziele auf eine deutliche Reduzierung der Anwendung von chemischen Pflanzenschutzmitteln. Das Modell habe Deike zu Folge bisher keinen signifikanten Effekt auf die Häufigkeit der Pflanzenschutzmaßnahmen. Zudem fielen die dänischen Getreideerträge selbst an Gunststandorten des Landes deutlich niedriger aus als im benachbarten Schleswig-Holstein. Dennoch: „Das dänische Reduktionsprogramm hat immerhin zu einer größeren Akzeptanz für die Pflanzenschutzberatung und zu verstärkten Anstrengungen in der Forschung geführt“, so der Berater.

Rückstände nicht zwangsläufig ein Risiko für Verbraucher

Bei den sogenannten Rückstandshöchstgehalten handele es sich nicht um toxikologische Grenzwerte, sondern um Handelsstandards, auf die sich das Risikomanagement international verständigt hat. Hierauf wies Dr. Gaby-Fleur Böl, Abteilungsleiterin Risikokommunikation im Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), hin. Daher stelle ein gemessener Rückstand eines Pflanzenschutzmittels nicht zwangsläufig ein Risiko für Verbraucher dar. In aller Regel würden erst bei Konzentrationen von Pflanzenschutzmittelresten, die sehr viel höher liegen als die geltenden Rückstandshöchstgehalte, toxikologische Grenzwerte wie der ADI-Wert (akzeptable tägliche Aufnahme) oder ARfD-Wert (akute Referenz-Dosis) erreicht. Einer repräsentativen BfR-Umfrage zufolge assoziieren 85% der deutschen Bevölkerung das Adjektiv "gut" mit Lebensmitteln, die ohne Pflanzenschutzmittel hergestellt wurden, während 78% der Befragten das Adjektiv "giftig" mit Lebensmitteln in Zusammenhang bringen, die unter Verwendung von Pflanzenschutzmitteln angebaut wurden. 67% der Befragten sind fälschlicherweise der Ansicht, dass in Lebensmitteln gar keine Reste von Pflanzenschutzmitteln vorhanden sein dürften und in allen anderen Fällen somit ein juristischer Verstoß vorliege. Dies zeigt, warum die Akzeptanz für Pflanzenschutzmittelreste in Lebensmitteln so gering ist und diese Thematik in den Medien emotional aufbereitet werden kann. Daher warnte die BfR-Mitarbeiterin vor unüberlegten politischen Entscheidungen in Bezug auf Pflanzenschutzmittel. So stehe beispielsweise Glyphosat derzeit wegen geringfügiger Wirkstoffnachweise in der Kritik. Dabei sei der Wirkstoff bestens untersucht und weit unproblematischer als von den Medien dargestellt.

Zulassungsverfahren für Umweltbundesamt noch nicht scharf genug

Für Dr. Jörn Wogram vom Umweltbundesamt steht fest, dass von der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln ausgehende Risiken für den Naturhaushalt zum Teil deutlich höher sind als bislang in den Zulassungsverfahren aufgezeigt. Zu diesem Schluss würden auch Freilanduntersuchungen kommen, in denen u.a. die durch Pflanzenschutzmittel bedingte Verarmung der Insektenfauna von Feldrainen, zu hohe Gewässerbelastungen und Nahrungsmangel bei Feldvogelarten durch die Anwendung von Herbiziden und Insektiziden nachgewiesen wurden. Mit diesen Entwicklungen in der Risikobewertung halte das Risikomanagement von Pflanzenschutzmitteln zurzeit nicht Schritt. Zwar seien in einzelnen Bereichen, z.B. bei der Vermeidung von Abriebstäuben bei Saatgutbeizen, deutliche Verbesserungen in Sicht. Doch bei einem größer werdenden Anteil von Pflanzenschutzmittelverwendungen stehen Wogram zu Folge Risikominderungsmaßnahmen nicht in dem Maß zur Verfügung, das für den Nachweis einer Umwelt sicheren Verwendbarkeit und damit der Zulassungsfähigkeit nötig wäre. Für die konventionelle Landwirtschaft sei dies eine sehr ungünstige Entwicklung, auch im Hinblick auf das Resistenzmanagement. Es liege daher im allgemeinen Interesse, den derzeitigen Reformstau zu beseitigen und das Spektrum an Risikominderungsmaßnahmen so zu erweitern, dass die Zulassung der für einen effektiven Pflanzenschutz benötigten Mittel ermöglicht und gleichzeitig der Schutz der Umwelt sichergestellt wird.

Dr. Helmut Schramm, Geschäftsführer der Bayer CropScience Deutschland GmbH, verwies in seiner After Dinner Speech auf die große Bedeutung des innovativen Pflanzenschutzes. Der Ackerbau würde heute ohne die erfolgreiche Forschung und Entwicklung im Pflanzenschutz viel mehr Fläche benötigen. Agrarwissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin hätten in einer Studie errechnet, dass im Falle einer vollständigen Umstellung auf Ökolandbau in Deutschland beispielsweise jährlich 12,1 Mio. Tonnen Weizen weniger produziert würden. Das entspreche dem jährlichen Verzehr von 184 Mio. Menschen oder annähernd der Bevölkerung Pakistans. Mit seiner Kaufkraft könne Europa seinen fehlenden Bedarf an Agrarrohstoffen ohne Schwierigkeiten auf den Weltmärkten decken, „das Nachsehen haben dabei die ärmeren Bevölkerungsschichten“, betonte Schramm. Er forderte mehr Konstanz und Verlässlichkeit in der Zulassungspraxis zu gewähren. So sei beispielsweise das von der Europäischen Kommission veranlasste Verbot von drei Pflanzenschutz-Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonikotinoide unverhältnismäßig, wissenschaftlich undifferenziert und schädlich für die Landwirtschaft.